Wir sagen Zusammen:Halt!
„Schule ohne Rassismus“ am Berufskolleg Dortmund
„Was glauben Sie, was ich mir alles anhören musste und wie ich behandelt wurde…?“ – dies erzählt eine Auszubil- dende zur Automobilkauffrau, die im zweiten Jahr am Empfang gearbeitet hat und sich entschieden hatte, ein Kopf- tuch zu tragen.
Diskriminierende Erfahrungen machen Schüler und Schülerinnen aber auch Lehrkräfte unserer Schule regelmäßig. Das Karl-Schiller-Berufskolleg ist ein kaufmännisches Berufskolleg mit etwa 3 000 Schülerinnen und Schülern und 120 Lehrkräften mitten in Dortmund am Rande der Nordstadt.
Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, eine wertschätzende Kultur des Hinsehens und Kümmerns zu leben. Unsere Schülerinnen und Schüler sind dabei nicht nur Opfer diskriminierender und rassistischer Haltungen. Auch sie haben Vorurteile gegenüber anderen Gruppen verinnerlicht. Vielfach sind sie mit Identitäts- und Abgrenzungsfragen be- schäftigt. Die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ impliziert die Aussage, dass man hier erst mal nicht hingehört und mit einem ‚ausländisch‘ klingenden Namen, mit einem Kopftuch oder einer dunkleren Hautfarbe kein Deutscher sei. Diese Frage von ‚deutscher‘ Seite ist umso erstaunlicher, da in Dortmund fast alle Menschen einen Migrations- hintergrund haben, der wird nur oft vergessen und liegt in fernerer Familienhistorie.
Wir sehen unsere Aufgabe darin, dass unsere Schüle- rinnen und Schüler den Artikel 1 des GG verinnerlichen, indem wir Offenheit, Respekt und Toleranz leben, be- sonders in Bezug auf Herkunft, Hautfarbe und sexuelle Ausrichtung. Wobei wir das Gemeinsame betonen und im Sinne Margot Friedländers das ‚Menschsein‘ heraus- stellen.
Gleichzeitig haben wir erfahren, wie wichtig eine klare Haltung gegenüber rechtsradikalen und menschenfeind- lichen Einstellungen ist. Die Vorbildfunktion aller Er- wachsenen in der Schule ist hier von besonderer Be- deutung. All dies hat aber nur positive Auswirkungen in konkretem Handeln.

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage: Gemeinsam kommt man zum Ziel © View Apart | Shutterstock.com
stoßen dann noch weitere Personen dazu.
Zu diesem Zweck haben wir eine Kerngruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ gegründet, die aus fünf Personen besteht. Zu den einzelnen Projekten
Einen großen Schwerpunkt bildet die Erinnerungsarbeit. Für uns ist leitend, was Mehmet Daimagüler, der Antiziga- nismusbeauftragte der letzten Bundesregierung, auf einer Pressekonferenz so formuliert hat: „Investitionen in Erin- nerungsarbeit sind Investitionen in unsere Demokratieinfrastruktur.“
Folgende Projekte haben wir implementiert und durchgeführt:
Seit 2014 findet im Rahmen des Differenzierungskurses „Wider das Vergessen“ eine jährliche Gedenkstätten- exkursion nach Auschwitz und Krakau statt. Mittlerweile mit Schülerinnen und Schülern des Beruflichen Gymnasiums, der Höheren Handelsschule und mit denen des benachbarten Konrad-Klepping- Berufskollegs.
Erinnerungsarbeit in Dortmund: Wir haben zusammen mit Schülerinnen und Schülern Erinnerungsgänge durch Dortmund erarbeitet, das heißt diese haben in der Stadt verschiedene Stationen für andere Schülerinnen und Schüler vorbereitet. Diese Aktionen finden oft zum 9. November oder zum 27. Januar statt, so zum Beispiel im Rahmen eines Projekttages „Erinnerung schafft Zukunft – Spurensuche des KSBK zum 80. Jah- restag der Reichs-Pogromnacht“. Ein Erinnerungsweg ist speziell für die Dortmunder Nordstadt konzipiert.
Schülerinnen und Schüler haben eine Rollup-Ausstellung „Gegen das Vergessen – Eine Spurensuche in Auschwitz“ gestaltet. Diese Ausstellung ist bei uns ausleihbar.
Organisation von Zeitzeugen- und Zweitzeugen-Gesprächen: Erika Rosenberg-Band und Bert Woudstra, Eva Weyl und Anke Winter, Halina Birenbaum, Eva Umlauf, Alwin Meyer. Diese Gespräche werden auch begleitet durch Workshops, unter anderem Comic-Workshop von Nils Oskamp zum Thema „Fremdenhass“, Schülerinnen und Schüler haben Schaufenster zum jüdischen Leben in Dortmund gestaltet.
Wir nutzen seit dem Schuljahr 2020/2021 auch die Dauerausstellung „Labyrinthe“ mit Reproduktionen von Bil-
dern des Auschwitz-Überlebenden Marian Kołodziej in Kooperation mit der Ev. Stadtakademie Bochum.
Weitere Angebote: „Meet a Jew“, Zweitzeugenprojekte (auch theaterpädagogisch), Videokonferenz mit Yad Vashem zum Thema „Jüdische Feiertage“, Videokonferenz „Das Judentum Live erleben“ mit Arie Rosen (Jerusalem: Lea Fleischmann-Bildungsprojekte), journalistischer Online-Workshop zur Vermittlung von Me- dienkompetenz „Fake News im Netz erkennen“ (mit Christina Helberg).
Aktion „Gedenkstein Sinti und Roma“ (Verschönerungs- und Erhaltungsarbeiten in Absprache mit dem Verband der deutschen Sinti und Roma) in unmittelbarer Nähe unserer Schule.
Gedenkstättenfahrt nach München und Dachau mit verschiedenen Bildungsgängen der Berufsschule, unter anderem Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, Gestaltende für visuelles Marketing, Auto- mobilkaufleute.
Jährliche Durchführung des Anne-Frank-Tages in verschiedenen Bildungsgängen, unter anderem Internationa- le Förderklassen, Berufsfachschule, Berufsschule.
Mit-Organisation der viermoduligen „Qualifizierung Gedenkstättenpädagogik“ und der fünfmoduligen
„Qualifizierung Demokratiebildung“ der Bezirksregierung Arnsberg (EU-Geschäftsstelle Wirtschaft und Be- rufsbildung) für BK-Lehrkräfte des Regierungsbezirks, mit Mobilitäten nach Auschwitz/Krakau (zwei Fahrten im Februar/März 2023) bzw. Stutthof/Danzig (zwei Fahrten im Februar/März 2025).
Präsentation der Gedenkstättenexkursion nach Auschwitz und der Ausstellung „Gegen das Vergessen – Eine Spurensuche in Auschwitz“ durch Schülerinnen und Schüler vor französischen Schulleitern.
Gedenkstättenexkursion zur Kriegsgräberstätte Ysselsteyn, zur KZ-Gedenkstätte Vught und nach Nijmegen (Niederlande).
Gemeinsames internationales Erinnerungsprojekt „Following Traces“: Deutsche und niederländische Berufs- schülerinnen und -schüler begeben sich auf die Spuren der damaligen jüdischen Bevölkerung. Sie reisen zu den verschiedenen Lebens- und Leidensstationen lokaler jüdischer Familien, unter anderem in Dort- mund, Zwolle, Amsterdam, Westerbork, Sobibor und Lublin-Majdanek.
Differenzierungskurs „Interkulturelle Kommunikation“ (DK IKK):
In einer zunehmend globalisierten Welt sind das Verständnis und die Wertschätzung interkultureller Kommuni- kation von entscheidender Bedeutung. Die Grundwerte Respekt, Vielfalt, Gleichheit und Freiheit bilden da- bei das Fundament, auf dem wir als Gesellschaft aufbauen. Diese Werte sind nicht nur essenziell für das harmonische Zusammenleben in einer multikulturellen Gemeinschaft, sondern auch für die persönliche und berufliche Entwicklung jedes Einzelnen. Im DK IKK setzen wir uns intensiv mit diesen Grundwerten ausei- nander, um die Schülerinnen und Schüler auf die Herausforderungen und Chancen einer globalisierten Welt vorzubereiten.
Das gemeinsame Erleben ist für alle Teilnehmenden, Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler, eine Schlüsseler- fahrung mit oft lebensverändernder Wirkung. Wir als Schulgemeinschaft wollen darauf nicht mehr verzichten.
Dem Team „Schule ohne Rassismus“ gehören an: Richard Höffner, Marcel Ott, Önder Sarioglu, Karsten Kruskop, Nicole Wolf
Nicole Wolf und Richard Höffner

© Nicole Wolf | privat